Die ersten Wochen mit der Kleinen waren leider nicht ganz so einfach. Es kam vieles zusammen, was diese negativen Gefühle verstärkte. Ich finde, dass dieses Thema sehr selten behandelt wird und oft geschwiegen wird. Man stellt sich ja die erste Zeit mit dem Baby so rosarot und supi vor. Man ist voller Liebe und hat das kleine, friedlich schlafende Wesen auf dem Arm und es könnte nicht schöner sein…Das mag vielleicht auch bei vielen so sein. Bei mir jedenfalls nicht. Schon im Krankenhaus kam ich teilweise an meine Grenzen. Ständig kamen Ärzte oder Schwestern rein, die irgendetwas wissen wollten oder an mir oder meiner Tochter rumfummelten. Außerdem wurde ich ja auch untenrum genäht. Die Risse waren zum Glück nur minimal, trotzdem tat es beim Toilettengang echt weh und die Prozedur der Reinigung war auch nicht Mal schnell, schnell erledigt. Das musste aber eigentlich schnell gehen, denn meine Tochter war von Anfang an, ein sehr waches, aufmerksames Baby. Sie schlief, verhältnismäßig zu anderen Neugeborenen, echt wenig und wenn dann nur auf mir drauf. Überhaupt war an ablegen nicht zu denken. Nach spätestens einer Minute ging das Geschrei los. Und man kennt ja dieses süße, herzergreifende Neugeborenenwimmern. Nicht bei der Raupe. Sie hatte ein Organ. Mein lieber Scholli. Das war wirklich sehr laut. Mein Freund war zwar den ganzen Tag da und unterstützte mich aber da es ein Einzelzimmer war, musste er nachts immer heim fahren. Aber die Nächte waren wirklich nicht ohne. Ich kam kaum zum Schlafen. Tagsüber Mal kurz, wenn mein Freund die kleine hatte, bis sie wieder Hunger bekam. Ich hingegen hatte am Anfang überhaupt keinen Appetit. So geht es vermutlich jeder Frischmami. Ich musste regelrecht zum Essen genötigt werden. Diese Kombi aus chronischem Schlafmangel und zu wenig Nahrung, machte mich auch nicht gerade glücklicher. Außerdem neigte ich eh schon vor der Geburt und der Schwangerschaft öfter Mal zu depressiven Gefühlen. Nie extrem aber ab und zu kamen sie eben durch. Jedenfalls freute ich mich auf zu Hause und hoffte, dass da dann alles besser wurde. Dann hatte die Kleine aber auf einmal Fieber und wir mussten erstens zufüttern, weil mein Milcheinschuss wohl noch nicht da war und die Kleine dann nicht genug zu trinken hatte. Und wir mussten noch einen Tag und vor allem eine Nacht länger bleiben. Oh nein.

Dann war es endlich so weit. Ein Mittwoch. Nach Hause. Wie sehr ich mich freute. Die ersten Tage zu Hause waren auch noch ganz in Ordnung. Das Pipi machen brannte immernoch. Der Hunger hielt sich immer noch in Grenzen, wurde aber wieder bisschen mehr. Die Kleine sehr viel am Weinen. Immernoch. Aber wir kuschelten viel mit ihr und dann ging es. Leider musste aber mein Freund am darauffolgenden Montag schon wieder arbeiten. Ich war so überfordert. Ich kam ja mit mir selbst überhaupt noch nicht klar. Mein Körper fühlte sich nach der Geburt total fremd an. Und ich war allgemein noch sehr schwach. Und dann noch bis spät nachmittags alleine mit einem Baby, welches mir im Endeffekt ja auch noch total fremd war. Natürlich wusste ich, dass es mein Baby war und ich liebte sie schon sehr aber irgendwie spürte ich da nicht so eine tiefe, automatische Verbundenheit. Ich dachte ja immer, wenn das Baby da ist, ist man dauerglücklich und würde für sein Baby sterben. Natürlich gab ich alles und versuchte es auch bestmöglichst zu versorgen. Aber es war irgendwie alles so automatisch, so ohne Gefühl. Ich machte die Dinge eben, weil man sie machen musste. Wickeln. Stillen. In den Schlaf schaukeln. Beruhigen. Wickeln. Stillen. usw. Ich machte das alles nicht so aus tiefer innerlicher Liebe, wie ich es eben dachte, dass ich es tun werde. Das schockierte mich. Und mein Selbstbewusstsein als Mutter sank noch weiter herab. Warum liebe ich denn mein Baby nicht richtig? Wieso macht mir das alles hier keinen Spaß? Warum wünsche ich mir so oft mein altes Leben zurück? Ich wollte dieses Baby vorher doch so unbedingt haben und hatte es mir so schön vorgestellt. Denkste.

Dann hatte Ronja eigentlich schon von Anfang an sehr starke Bauchschmerzen(dazu aber Mal einen extra Bericht), mit denen sie noch ziemlich lange zu kämpfen haben sollte. Das machte auch ihr befinden nicht besser und ließ mich wiederrum weiter Zweifeln. Mache ich denn alles falsch? Warum geht es der kleinen denn so schlecht? Und der ganze Besuch. Oje. Natürlich wollten alle die kleine Maus sehen. Verstehe ich ja. Aber ich glaube, sie wussten irgendwie nicht, wie verdammt anstrengend das für mich war. Und mir fällt es einfach total schwer jemanden abzuweisen und nein zu sagen. Aber während des Besuchs einen halbwegs glücklichen und gefestigten Eindruck zu machen, raubte mir dann noch die letzten Kräfte. Ich weinte sehr viel. Wenn ich alleine war. Oder wenn mein Freund da war. Und ich bin so froh, ihn zu haben. Seine ruhige Art half mir auch sehr aus diesem Loch heraus. So wie es mir schon die vielen Male davor geholfen hatte. Natürlich wusste auch er meistens nicht, was jetzt richtig oder falsch war, aber es half einfach, dass ich mit den Fragen und der Überforderung nicht alleine war. Und seine Umarmungen halfen mir auch sehr. Die Hebamme die zu mir kam war wirklich sehr nett aber auch ihre Besuche stressten mich eher. Mich am Anfang überhaupt von der Couch aufzuraffen(natürlich die Kleine immer auf meinem Arm), viel mir schon unglaublich schwer. Und ich glaube sie bemerkte leider gar nicht, wie schlecht es mir am Anfang wirklich ging.

Die Verbindung zu der kleinen Ronja wurde so langsam stärker, in den nächsten Wochen und auch in meiner Mutterrolle kam ich immer mehr an. Aber eins muss ich noch sagen und das schockiert mich jetzt im Nachhinein noch selber, wenn ich daran zurück denke. Aber ich habe damals so empfunden. Irgendwie fand ich meine Tochter nicht süß und auch nicht hübsch. Ich dachte ja immer einer Mutter wäre es total egal, wie ihr Kind aussieht oder anders: Jede Mutter denkt, ihr Kind sei das schönste auf der ganzen Welt, auch wenn es das nicht ist. Und bei mir war es anders. Irgendwie hatte ich sie mir anders vorgestellt. Und das treibt mir heute noch Tränen in die Augen, dass ich jemals so enttäuscht von meinem eigenen Kind sein konnte. Das tut mir so unendlich leid. Aber mein Kopf hatte sich da solche Sachen zusammengesponnen. Es machte es irgendwie auch nicht besser, dass alle, die die Kleine am Anfang sahen immer sagten, dass sie komplett aussähe wie mein Freund. Und ich empfand das ja auch selber so. Und irgendwie hatte ich mir es so ausgemalt, dass sie auch ein bisschen nach mir käme. Jede Mutter sucht doch auch nach Merkmalen, die ihr ähneln. Ich fand kein einziges. Wenn sie nicht aus mir rausgekommen wäre, hätte ich echt daran gezweifelt, dass ich gentechnisch da überhaupt drinnen bin. Sie sah aus wie ein geklonter, weiblicher Mini-Rene.(mein Freund). All dies war irgendwie schwer für mich zu ertragen. Aber meine Mutter sagte zu mir, dass es eben nicht immer alles am Anfang so rosig und perfekt ist. Und man auch Mal traurig sein darf und zweifeln darf. Und sie versicherte mir, dass ich eine total süße Tochter habe. Vor allem ihr Temperament und ihre Persönlichkeit, die sie einfach schon von Anfang an hatte und auch zeigte, seien doch wunderbar. Und sie hatte ja auch Recht. Das half mir und seit dem entdeckte ich auch immer mehr die unglaublich vielen tollen Dinge an meiner Tochter. Und wurde von Tag zu Tag fröhlicher und vor allem dankbarer, was für ein wahnsinnig toller und schöner(von innen und von außen) Mensch sie doch ist. Und unsere Bindung wurde von Tag zu Tag stärker und auch diese Mutterliebe, alles für dieses Wesen zu tun, kam endlich. Aber es dauerte sicher so vier, fünf Wochen, bis diese negativen Gefühle weitestgehend verschwunden waren. Es war ein Kampf, den die Kleine und ich aber sicherlich gewonnen haben. Zusammen.
Im Nachhinein muss ich sagen, haben eben der Schlafmangel und die Hormone und die Überforderung mit der Kleinen, die eben nunmal kein „Anfängerbaby“ war, diese ganzen Gefühle ausgelöst und meine eh schon oftmals eher pessimistische Psyche hat ihr übrigstes dazu getan. Und diese Gefühle waren wirklich nicht schön. Die ersten Wochen waren für uns als kleine Familie nicht einfach aber wir haben es geschafft. Dadurch, dass ich mir klar wurde, dass es eben nicht immer so „perfekt“ ist, wie es überall in den sozialen Medien zu sehen ist und dadurch, dass ich offen mit meinen Liebsten über meine Probleme geredet habe. Und mir darüber klar geworden bin, dass ich noch nie der „Liebe auf den ersten Blick“-Typ war. Aber wenn mein Herz dann jemanden dort aufnimmt, dann dafür umso stärker. Und so ist es auch. Meine Tochter ist jetzt dreizehn Wochen alt und ich liebe sie so abgöttisch. Mein kleiner, süßer Wirbelwind, der übrigens immer noch aussieht wie mein Freund. Mittlerweile gibt es aber auch ein, zwei Dinge, die ein bisschen nach mir aussehen. Und vor allem hat sie ihre sensible Art, ihre Energie und das sie gerne und viel brabbelt von mir. Du bist für uns perfekt, kleine Raupe. Wir lieben dich so sehr!



